Archive for Dezember, 2009

Weiterentwicklung der Behindertenanwaltschaft. Ein Kommentar

Donnerstag, Dezember 17th, 2009

Albert Brandstätter

Montag, 14. Dezember im Sozialministerium. Bundesbehindertenbeirat. In der langen Tagesordnung der letzte Bericht des scheidenden Bundesbehindertenanwalts Haupt. Ein langer, inhaltsreicher, durchaus auch emotional bewegender Bericht. Die lange Liste von Tätigkeiten zeigt, dass Haupt und sein Team das Amt des Behindertenanwalts mit Leben und Bedeutung erfüllt haben. Beinahe 1000 Aktenanlagen in einem Jahr ist eine durchaus imponierende Zahl, zeigt auch die Notwendigkeit an, dass der Behindertenanwalt anwaltlich und im Sinne einer Sozialanwaltschaft tätig wird. Nach dem Dank von Sozialminister Hundstorfer erlaube auch ich mir, namens der Lebenshilfe und der NGOs Haupt für sein großes und wirklich ehrliches Engagement zu danken.

Aber es bleibt einiges offen: Das bezieht sich nicht auf den bisherigen oder künftigen Amtsinhaber, sondern auf strukturelle Herausforderungen mit der Behindertenanwaltschaft.

(weiterlesen…)

Bestellung Buchingers zum Behindertenanwalt: Stimme eines betroffenen Vaters

Donnerstag, Dezember 17th, 2009
In der Debatte um die Bestellung Erwin Buchingers zum Bundesbehindertenanwalt wird der frühere Sozialminister immer wieder als Vater eines jungen Mannes mit Lernschwierigkeiten  automatisch ”als Betroffener” in seiner Eignung nach hinten gereiht, weil er selbst keine Behinderung hat. Hier möchte ich gerne Bernhard Schmied aus der Perspektive eines Vaters eines jungen Mannes mit Lernschwierigkeiten zu Wort kommen lassen.
Albert Brandstätter
 
“Sehr geehrte Frau Hengl,
 
Ich möchte als Generalsekretär der Lebenshilfe Wien, aber auch als Vater eines 17jährigen jungen Mannes mit Down-Syndrom, zu Ihrem offenen Brief an BM Hundstorfer wie folgt Stellung nehmen:
 
Ich verstehe Ihre Argumentation und kann sie auch zum Teil mittragen. Auch ich hätte mir zum Beispiel einen Franz-Joseph Huainigg, der ein wunderbares Beispiel für ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben trotz schwerer Beeinträchtigungen und Barrieren darstellt und der sich erwiesenermaßen immer wieder erfolgreich politisch und medial für die Anliegen ALLER Menschen mit Behinderung eingesetzt hat, als äußerst geeigneten Behindertenanwalt vorstellen können.
 
Allerdings möchte ich mich entschieden gegen alle diejenigen aussprechen, die Angehörigen wie Ex-Bundesminister Buchinger automatisch in der Eignung für dieses wichtige Amt nach hinten reihen, nur weil er selbst keine Behinderung hat!
Ein Elternteil, der selbst ein Kind mit (intellektueller) Beeinträchtigung großgezogen hat, weiß über so einige Dinge bestens Bescheid, z.B.
- welche Barrieren, Vorurteile, Diskriminierungen den betroffenen Menschen und Familien in den verschiedensten Lebensbereichen entgegengebracht werden
- welche finanziellen Unterstützungsleistungen vorhanden sind, und welche noch fehlen oder ungenügend sind
- wie es um die Unterstützung von Kindern mit Behinderung im Schulwesen bestellt ist
- welche öffentlichen und privaten Dienstleistungsangebote im Bereich Arbeit und Wohnen vorhanden sind und welche noch fehlen.
 
Sicherlich hat Hr. Buchinger als Sozialminister, wo er auch sichtbare Initiativen für Menschen mit Behinderung gesetzt hat (z.B. Pflegegeld, bedarfsorientierte Mindestsicherung, Novelle Behindertengleichstellungsgesetz, Unterschrift UN-Konvention), weitere wertvolle Erfahrungen für das Amt des Behindertenanwaltes gewonnen.
 
Ich lehne die stereotype Geringschätzung von “bloßen” Angehörigen von Menschen mit Behinderung daher klar ab! Dies auch deswegen, weil es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen gibt, die nicht ausreichend für sich selbst sprechen können und auf Unterstützung in hohem Ausmaß angewiesen sind! Für diese Gruppe kann ein naher Angehöriger eines Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung deutlich besser sprechen als ein Vertreter mit Körper- oder Sinnesbehinderung und ansonsten völlig unbeeinträchtigten intellektuellen Fähigkeiten!
Ein Behindertenanwalt muss aber natürlich für alle Menschen mit Behinderung da sein, dies erfordert für jeden Kandidaten, mit und ohne eigene Behinderung, eine Abstraktion über seine eigene Betroffenheit hinaus, wodurch ich hier aber keinen besonderen Vorteil eines Kandidaten mit eigener Behinderung herauslesen kann.
 
Nochmals zum Abschluss: auch ich hätte mich gefreut, wenn diesmal ein selbstbetroffener Mensch mit eigener Beeinträchtigung Behindertenanwalt geworden wäre. Aber Hr. Buchinger ist als Angehöriger ebenfalls ein Mitbetroffener und hat genauso persönliche Erfahrungen gemacht und macht sie auch weiterhin, die ihn dazu befähigen werden, sein Amt authentisch aus der Betroffenensicht zu auszuüben.
 
Mit freundlichen vorweihnachtlichen Grüßen

Mag. Bernhard Schmid
Generalsekretär
Die Lebenshilfe Wien
Schönbrunner Straße 179
1120 Wien

Mail: B.Schmid@lebenshilfe-wien.at
Web:
www.lebenshilfe-wien.at

Zu Faymann-Rede: Generationenfonds muss auch Begleitung behinderter Menschen beinhalten

Donnerstag, Dezember 3rd, 2009

Albert Brandstätter

In seiner Rede am 2. Dezember griff Bundeskanzler Faymann Forderungen der NGOs der freien Wohlfahrt auf, die – vor allem von Seiten der Diakonie – schon länger ein 3. Konjunkturpaket Pflege und Betreuung fordern.

Faymann will einen Generationenfonds schaffen, der mit 2 Milliarden Euro dotiert werden soll. Das Geld soll für Investitionen in den Sozialbereich, in den Gesundheitsbereich und in den Bildungsbereich gewidmet sein. Insgesamt sollen bis zu 50.000 neue Jobs in diesem Bereich geschaffen werden. Woher soll das Geld kommen?  Aus der Reform des Spitalssystems und aus einer – europaweit zu verhandelnden – Finanztransaktionssteuer.

Die Idee des Generationenfonds ist als solche begrüßenswert. Vor allem stimmt die Lebenshilfe der wichtigsten Grundaussage zu: Der Bereich Soziales, und hier Pflege und Betreuung ist ein Zukunftsbereich, in dem Jobs dringend benötigt werden und in den Menschen auch drängen werden. Hier ist jeder investierte Euro sinnvoll und nachhaltig. Eines ist wichtig und wurde in der Rede nicht deutlich genug, wurde aber hoffentlich mitgemeint: Es geht nicht nur um Pflege, es geht nicht nur um Gesundheitsberufe. In diesem Generationenfonds müssen auch die Investitionen für eine umfassende Assistenz und Begleitung von behinderten Menschen ihren Platz finden!

Und: Die Finanzierung muss umfassend und nachhaltig geschehen. Hier sehe ich zwei Risikofaktoren: Erstens, ob durch die Reform der Spitalsfinanzierung tatsächlich soviel Geld übrig bleibt, und zweitens: Wie rasch kann eine Finanztransaktionssteuer in Europa durchgesetzt werden? Sinnvoll sind beide Anliegen, aber werden sie das Versprechen von 2 Milliarden halten?

Insgesamt das Resümee der Rede: Nicht uninteressant, vieles Richtige gesagt vor allem zum sozialen Ausgleich, vieles aber auch ausgespart. Wirklich visionäre Kraft fehlte - es war eine Rede im gemeinschaftlichen Konjunktiv, aber das ist wohl auch der persönliche Stil des Kanzlers. Besonders eines fiel auf: Wenn ich mich richtig erinnere, wurde mit keinem Wort  „Kultur“ verwendet. Seltsam.

Nationaler Informationstag von ÖAR und ÖKSA im Parlament

Donnerstag, Dezember 3rd, 2009

Albert Brandstätter

Anlässlich des Internationalen Tages für Menschen mit Behinderungen organisierten ÖAR, ÖKSA und die Parlamentsdirektion gemeinsam den nationalen Informationstag am 30. November. Die Lebenshilfe war in der Vorbereitung und Durchführung sehr aktiv beteiligt. So hielten etwa Silvia Weißenberg und Tobias Buchner je ein Workshop zum Thema Weiterentwicklung der Sachwalterschaft (Art. 12 UN-Konvention). Wesentliche Forderungen der Lebenshilfe (Schule für alle bis zum Ende der Sekundarstufge 2, Sozialversicherung für Beschäftigte in Werkstätten, Nationaler Aktionspan zur Umsetzung der UN-Konvention) wurden dabei von Präsidentin Prammer und den HauptreferentInnen aufgegriffen. (weiterlesen…)

Ohrenschmaus 2009 sorgte für gute Laune

Donnerstag, Dezember 3rd, 2009

Albert Brandstätter

Wie immer war die Verleihung des Ohrenschmaus-Preises ein höchst gelungenes Fest, in dem Augen, Ohren, Herz, Hirn und Bauch ihren „Schmaus“ erhielten.

“Kein Mitleidsbonus, keine Peinlichkeit – einfach Literatur”: so hat Felix Mitterer, der von Anfang an den Ehrenschutz über den Preis übernommen hat, die Literatur der Preisträger beschrieben. So war es auch am 1. Dezember wieder. Mit großem Enga-gement von Frank Hoffmann, Chris Pichler und von BM Claudia Schmied vorgetragen, entwickelten die Siegertexte eine unglaubliche Kraft. Die Freude der PreisträgerInnen und der Anwesenden war ansteckend. Alle Beteiligten haben für nächstes Jahr ihr Engagement zugesagt.
Einen großen Dank auch der Jury, der auch ORF-Kulturredakteurin Barbara Rett sowie Heinz Janisch, Kurt Palm und Eva Jancak angehören. Die JurorInnen würdigten neben der hohen Qualität auch die Originalität der Texte und die ungewöhnlichen Sichtweisen auf die Welt. Als herausragendes Beispiele möchte ich den von BM Schmied persönlich vorgetragenen Siegertext in der Kategorie Lyrik hier zitieren: Er stammt von dem deutschen Preisträger Dieter Gebauer, der in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld lebt.

Meine Laune
Dieter Gebauer

Meine Laune ist groß wie ein Fass.
Meine Laune schmeckt wie Dreck.
Meine Laune riecht wie Schuhwichse.
Trotzdem bin ich immer gut gelaunt.
Meine Laune hört sich an wie ein Kuckuckschrei.
Meine Laune fühlt sich an wie so eine alte Hose.
Meine Laune sieht aus wie ne alte Hose.
Meine Laune und ich sind unzertrennlich.

Wenn ich mit meiner schlechten Laune in den Urlaub fahre,
hat sie auch Urlaub. Dann hab ich keine schlechte Laune.

Alle Texte, auch der von der Lebenshilfe-Gruppe Klex auf Initiative von Kurt Palm mit einem Sonderpreis prämierte Bild/Text finden Sie unter: www.ohrenschmaus.net .